Versicherer: Fahrassistenten verhindern weniger Unfälle als angenommen - stattdessen treiben sie die Reparaturkosten hoch

6. September 2017

In der schönen neuen Verkehrswelt machen Assistenzsysteme und automatisierte Fahrfunktionen von Autos den Straßenverkehr sicherer und sorgen für weniger Unfälle. Soweit die Theorie. Laut einer Studie des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) haben diese neuen Technologien jedoch auf viele Unfälle keinen Einfluss, verhindern in der Praxis weniger Schäden als erhofft und lassen sogar die Reparaturkosten steigen. Auf absehbare Zeit habe der technologische Fortschritt also nur geringen Einfluss auf das Schadengeschehen, fasst das GDV-Geschäftsführungsmitglied Bernhard Gause die Ergebnisse der Untersuchung aus Sicht der Versicherer zusammen. Für die Versicherten bedeutet das konkret: In den kommenden zwanzig Jahren sind die Aussichten auf sinkende Prämien dank Assistenzsystemen eher schlecht.

Die ernüchternde Einschätzung der automobilen Zukunft, die viele Visionäre dank technischer Innovationen bereits als um Vieles sicherer und unfallärmer ausmalten, begründet der GDV zum einen damit, dass Assistenzsysteme auf viele Schäden gar keinen Einfluss haben. So hilft ein Autobahnpilot ebenso wenig gegen Autodiebe wie eine Einparkhilfe vor Steinschlag, Hagel oder Marderbissen schützt. Auch der beste Notbremsassistent ändere nichts an den physikalischen Gesetzen für den Bremsweg eines Autos, betonen die GDV-Experten.

Zudem verhindere die neue Technik in der Praxis weniger Schäden als in der Theorie, stellen die Autoren der Studie weiter fest. Zur Begründung führen sie als Beispiele an, dass Assistenzsysteme etwa in Baustellenbereichen oder bei widriger Witterung an ihre Grenzen stoßen können. Da darüber hinaus die Autofahrer diese Systeme nicht ständig nutzen, sollen nach den Prognosen des GDV im realen Straßenverkehr weniger Schäden verhindert werden, als es unter idealen Bedingungen möglich wäre.

Als nachteilig aus Sicht der Versicherungen erweist sich zudem, dass Reparaturen an hoch technisierten Fahrzeugen, etwa wenn bei einem Unfall teure Sensoren oder Kamerasysteme beschädigt wurden, gleich ins Geld gehen. So verteuert laut GDV zum Beispiel ein Assistenzsystem den Austausch einer Windschutzscheibe um rund 30 Prozent.

Darüber hinaus ist laut der Studie davon auszugehen, dass die Verbreitung der neuen technischen Systeme nur langsam vorankommen wird. Denn neue Assistenzsysteme und automatisierte Fahrfunktionen werden nur für Neuwagen angeboten und auch da zunächst für wenige. Somit werden viele Jahre ins Land gehen, bis die neue Technik nach ihrer Markteinführung in nahezu allen Fahrzeugen vorhanden ist, erwartet der GDV. Der Verband konstatiert in seiner Studie unterm Strich insbesondere zwei gegenläufige Entwicklungen: Weniger Unfälle führen auf der einen Seite zu geringeren Entschädigungsleistungen der Versicherer, auf der anderen Seite jedoch steigen durch den Einbau der sensiblen Technik die Kosten für Reparaturen.

In Zahlen ausgedrückt kommen die Experten des GDV zu dem Ergebnis, dass Fahrerassistenzsysteme und automatisierte Fahrfunktionen den Schadenaufwand bis 2035 um höchstens 7 bis 15 Prozent senken können – verglichen mit dem Referenzjahr 2015, in dem die Versicherer Schäden in Höhe von rund 22 Milliarden Euro regulierten. Dabei sollen die Kfz-Haftpflichtschäden zwischen 9 und 20 Prozent abnehmen sowie die Kaskoschäden zwischen 3 und 7 Prozent. Die Spannweite der Prognosen begründen die Verfasser der Studie zum Automatisierten Fahren mit der Unsicherheit, wie schnell sich diese neuen technischen Helfer in der Autoflotte verbreiten werden.

In der GDV-Studie wurde auch gleich mit hinterfragt, welche Assistenten wie viel zur Reduktion von Schäden beitragen können – sprich, welche Systeme in dieser Hinsicht wirklich sinnvoll sind. Am besten schnitten dabei die Park- und Rangierassistenten ab, die Kostensenkungen für Haftpflichtpolicen um 4,9 bis 10,4 Prozent sowie für Kaskoversicherungen von 3,7 bis 7,9 Prozent bewirken sollen. Auch ein Notbremsassistent führt demnach zu einer Reduktion von 4,9 bis 9,5 Prozent bei Haftpflichtversicherungen, während er die Kosten bei Kaskopolicen lediglich um 1,3 bis 2,6 Prozent sinken lässt. Als deutlich weniger wirkungsvoll stufen die GDV-Experten dagegen Autobahnpiloten und Spurhaltesysteme ein: Daher halten die Versicherer aus ihrer Sicht die Anschaffung solcher Assistenzsysteme für wenig sinnvoll.

 

Quelle: Goslar Institut www.goslar-institut.de

Links:

News

13.11.2019 KFZ Versicherer erwartet "wechselhafter" November

Alle Jahre wieder – kommt nicht nur im Dezember das Christkind, sondern zum Ende November auch der Stichtag, bis zu dem ein Wechsel der...

06.11.2019 Dooring: Die alltägliche Gefahr für Radfahrer

Die meisten Radfahrer kennen diese Situation: Autofahrer öffnen gedankenlos eine Tür ihres Fahrzeugs, ohne sich vorher zu vergewissern,...

30.10.2019 Trotz Zurückhaltung bei Kunden: Die Mobilitätswende kommt

Der Begriff Mobilitätswende ist derzeit in vieler Munde. Sie soll Mobilität mit weniger Verkehr ebenso ermöglichen wie eine Mobilität,...

23.10.2019 Studie: Autonome Fahrdienste steigern Verkehrsaufkommen um bis zu 40%

Autonome Fahrzeuge scheinen derzeit ihren Nimbus als Problemlöser für die Mobilität von morgen einzubüßen. Zumindest kommt jetzt eine...

09.10.2019 Aral-Studie "Trends beim Autokauf 2019" zeigt veränderte Käuferinteressen

Jeder dritte Bundesbürger will sich in den kommenden eineinhalb Jahren ein neues Auto zulegen. Dabei ist die Bedeutung von neu...

02.10.2019 Studie: Carsharing bringt nachhaltigen Verkehr nicht voran

Carsharing, also die gemeinschaftliche Nutzung eines Autos durch mehrere Personen, bringt nicht die Vorteile, die sich seine Befürworter...

25.09.2019 Bundesdatenschutzbeauftragter Kelber: Grundrechte auch in digitaler Welt durchsetzen

Bremst Datenschutz Fortschritt in den Bereichen der Digitalisierung und Künstlichen Intelligenz? Haben Deutschland und Europa zwar im...

18.09.2019 Big Data kann Mobilität sicherer, schneller und sogar ökologischer machen

Die Chancen von Big Data in einer digital vernetzten Gesellschaft sind derzeit Thema vielfältiger öffentlicher Diskussionen. Über die...

11.09.2019 Big Data im Versicherungswesen machen Medizin humaner und präziser

Big Data in der Medizin ist im Moment noch Bürgerschreck, muss aber unbedingt als Hoffnungsträger verstanden werden. Denn...

04.09.2019 Gut versichert Radfahren

Fahrradfahren ist angesagt – sei es aus Umweltschutzmotiven, aus gesundheitlichen Gründen oder weil es einfach nur Spaß macht. Das...

Seiten

Cura Kontakt

Wir freuen uns über Ihre Fragen und Anregungen

Jetzt Kontakt aufnehmen

Haben Sie Fragen, Probleme, Anregungen oder Wünsche? Rufen Sie uns an oder schreiben Sie uns eine E-Mail.
 

Fritz-Vomfelde-Straße 14
40547 Düsseldorf
+49 (211) 9086-0