Wer auffährt, hat immer Schuld - oder doch nicht?

29. November 2017

Wer auf das vor ihm fahrende Fahrzeug auffährt, ist schuld. So lautet eine scheinbar unumstößliche Regel im Straßenverkehr – zumindest nach Ansicht vieler Verkehrsteilnehmer. Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht – jedenfalls nicht immer. Zwar hat jeder Fahrzeugführer laut Straßenverkehrsordnung (StVO) vor sich einen so großen Sicherheitsabstand einzuhalten, dass er rechtzeitig reagieren kann, sollten Vordermann oder Vorderfrau zum Beispiel unerwartet „in die Eisen steigen“. Dann muss man selbst so schnell bremsen können, dass es nicht zu einem Auffahrunfall kommt. Soweit der Standardfall. Doch inzwischen gehen immer mehr Richter auf Distanz zu dem sogenannten Anscheinsbeweis („wer auffährt, hatte keinen ausreichenden Sicherheitsabstand“) und orientieren sich mehr an den Fakten des jeweiligen Einzelfalls. Die können nämlich gegebenenfalls auf eine Mitschuld des Vorausfahrenden hinweisen.

Das kann etwa bei einem sogenannten Kettenunfall zutreffen, an dem mehrere Fahrzeuge beteiligt sind. Deutet bei einem solchen Ereignis alles darauf hin, dass der vorletzte Unfallbeteiligte sein Auto noch so frühzeitig anhalten konnte, dass er nicht auf das Fahrzeug vor ihm auffuhr, während dies dem ihm folgenden Fahrer, also dem Letzten in der Kette, nicht gelang, so liegt der Schluss nahe, dass auch der Fahrer im letzten Wagen rechtzeitig hätte stoppen können – wenn denn der Abstand zum Vordermann groß genug gewesen wäre. Lässt sich jedoch nicht eindeutig ausschließen, dass der Fahrer im vorausfahrenden Auto auch auf das Fahrzeug vor ihm aufgefahren ist, kann das die Schuld des Beteiligten hinter ihm infrage stellen. Denn dann liegt die Vermutung nahe, dass es dem Letzten vielleicht gar nicht mehr möglich war, einen Aufprall zu vermeiden.

Auch die selbst ernannten „Verkehrserzieher“, die andere durch plötzliches Abbremsen maßregeln wollen, sollten sich nicht darauf verlassen, dass der Auffahrende immer der Schuldige ist. Im Gegenteil: Diesen schikanösen „Pädagogen“ kann die Alleinschuld an einem Schaden zugesprochen werden, wenn jener durch ein beabsichtigtes Bremsmanöver ohne Grund herbeigeführt wurde. Denn die Richter werten ein solches Verhalten als „Selbstjustiz“, die nicht akzeptiert werden kann. So geschah es einem Autofahrer, der eine vorschriftsmäßig vor ihm fahrende Frau erst bedrängte, dann überholte, um gleich anschließend knapp vor ihr einzuscheren und zu bremsen: Offenbar wollte der Eilige Frust abbauen, weil er nicht wie gewünscht vorwärtskam. Dafür musste er für den Schaden, der bei dem aus seinem Verhalten resultierenden Unfall entstand, komplett selbst aufkommen. Wer also glaubt, aus pseudoerzieherischen oder sonstigen Gründen andere Verkehrsteilnehmer maßregeln zu müssen oder gar zu dürfen, irrt – stattdessen droht ihm volle Haftung bei einem so verursachten Unfall.

Grundsätzlich gilt zwar nach wie vor, dass der Abstand zu einem vorausfahrenden Fahrzeug in der Regel so groß sein muss, dass der Fahrer dahinter auch dann noch rechtzeitig anhalten kann, wenn der Vordermann überraschend und ohne für den Hintermann ersichtlichen Grund plötzlich bremst. Wichtig dabei: Der Hintermann hat auch ein mögliches Abbremsen ohne eine für ihn erkennbare Ursache einzukalkulieren. Allerdings darf der Vorausfahrende auch nicht ohne zwingenden Grund stark bremsen. So schreibt es die StVO vor. Wer andere Verkehrsteilnehmer willkürlich ausbremst, muss zudem damit rechnen, sich nach dem § 315 b des Strafgesetzbuchs (StGB) schuldig zu machen: Dieser Paragraf regelt den Tatbestand des gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr.

 

Quelle: Goslar Institut www.goslar-institut.de

Links:

News

27.02.2019 Gutachten: Autofahrer dürfen Radfahrer nur mit mindestens 1,5 Metern Seitenabstand überholen

Es gibt Fragen zu Verkehrsregeln, die auch geübte Autofahrer häufig nicht korrekt beantworten können. Einige davon betreffen das...

20.02.2019 Bei Rotlichtverstoß können Fußgänger haften

„Nur bei Grün – Kindern ein Vorbild“. Diese Aufforderung an zahlreichen Fußgängerampeln soll Passanten davon abhalten, den Überweg bei...

13.02.2019 Abbiegeassistenten für LKW können Leben retten

Assistenzsysteme in modernen Fahrzeugen sollen nicht nur den Komfort verbessern, sondern insbesondere auch zu mehr Sicherheit auf der...

06.02.2019 Cybersicherheit im Auto - Mit der Vernetzung steigt die Gefahr durch Hacker

Seitdem sich Autos immer mehr in Richtung „rollende Computer“ entwickeln, wie Spötter meinen, wächst auch hier die Gefahr von...

23.01.2019 Streit über Datenhoheit

Autofahrer wollen selbst über die von ihrem Auto gesammelten Informationen entscheiden.

Die Apps der...

09.01.2019 Studie: Autonomes Fahren löst nicht Probleme in deutschen Innenstädten

Autonome Fahrzeuge werden vielfach als die Lösung für die aktuellen Verkehrsprobleme in den Innenstädten der Welt propagiert. Die...

02.01.2019 Immer noch zu viele Autofahrer sind ohne Gurt unterwegs

Wie man sich gurtet, so überlebt man. Oder anders formuliert: Rund 200 Verkehrstote und rund 1.500 Schwerverletzte ließen sich pro Jahr...

19.12.2018 Größte Vorsicht bei Glatteis - Fahrweise unbedingt anpassen!

Alle Jahre wieder – kommt nicht nur das Christkind, sondern auf Kraftfahrer auch eine veritable und häufig ausgesprochen unangenehme...

12.12.2018 Immer mehr Verkehrsteilnehmer fallen wegen Drogen- oder Medikamenteneinfluss auf

Viele Menschen „veredeln“ die bevorstehenden Feiertage gern mit einem guten Tropfen. Speziell die Bowle an Silvester gehört für viele...

05.12.2018 Autonome Mobilität stößt auf regional unterschiedliche Akzeptanz

Autonomes Fahren ist wie Musik: den einen gefällt‘s, den anderen nicht. In diesem Falle handelt es sich um Zukunftsmusik, die allerdings...

Seiten

Cura Kontakt

Wir freuen uns über Ihre Fragen und Anregungen

Jetzt Kontakt aufnehmen

Haben Sie Fragen, Probleme, Anregungen oder Wünsche? Rufen Sie uns an oder schreiben Sie uns eine E-Mail.
 

Fritz-Vomfelde-Straße 14
40547 Düsseldorf
+49 (211) 9086-0