Staubilanz 2017: Die "Blechlawinen" wachsen weiter

14. Februar 2018

Viele Autofahrer haben subjektiv den Eindruck, dass sie auf Deutschlands Straßen immer öfter und immer länger im Stau stehen. Laut einer aktuellen Auswertung des ADAC deckt sich diese Wahrnehmung allerdings auch mit der Realität: Denn die Zahl der Staus hierzulande hat 2017 im Vergleich zum Vorjahr wieder zugenommen. In seiner Staubilanz 2017 verzeichnet der Automobilclub rund 723.000 Staus, 4 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Bei den Staukilometern gab es demnach ebenfalls einen Zuwachs: Sie summierten sich auf eine Gesamtlänge von knapp 1,45 Millionen Kilometer. Das entspricht im Vorjahresvergleich einem Plus von 5 Prozent. Die Bilanz des ADAC: Im Schnitt bildete sich jeden Tag eine Blechlawine von knapp 4.000 Kilometern.

Auch die Zeit, die Verkehrsteilnehmer im Stau verbrachten, stieg 2017 im Vorjahresvergleich um 9 Prozent auf 457.000 Stunden, wie „der Club“ ermittelte. Er sieht die Ursachen für die Stau-Zuwächse insbesondere in der gemessen an 2016 um 1,3 Prozent gestiegenen Kfz-Fahrleistung sowie anhaltender reger Bautätigkeit. Dabei sei von den 2.200 Kilometern Autobahn, die laut Planung bis 2015 hätten ausgebaut werden sollen, bislang nur etwas mehr als die Hälfte realisiert worden, berichtet der ADAC.

Speziell der letztgenannte Staugrund, die vielen Baustellen auf Deutschlands (Fern-)Straßen, könnte nach Ansicht von Experten jedoch relativ einfach entschärft werden. Denn sie bemängeln Unzulänglichkeiten sowohl bei der Bauplanung als auch bei der Bauaufsicht. So soll den Baufirmen viel zu viel Freiheit für die Ausführung der beauftragten Baumaßnahmen gelassen werden, mit dem Erfolg, dass die Bauarbeiten viel länger dauern als nötig. Wenn das nur zur Folge hätte, dass Baustellen den Verkehr über Gebühr behindern und Autofahrer dadurch unnötig viel Zeit in Staus verbringen müssen, wäre dies allein schon schlimm genug. Doch die Fachleute gehen auch davon aus, dass das Baustellen-Chaos volkswirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe anrichtet. Schätzungen veranschlagen die damit verbundenen Einbußen insgesamt auf rund 100 Milliarden Euro jährlich.

Diese Kosten müssten nicht sein, wie Professor Bernhard Steinhauer von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen dem ARD-Wirtschaftsmagazin „plusminus“ erläuterte, wenn es denn eine straffere Baustellenorganisation gäbe. Und der Wissenschaftler weiß, wovon er spricht, war er doch früher selbst in der Bauverwaltung in Bayern tätig. Laut Prof. Steinhauer gibt es Instrumente, mit denen sich die voraussichtliche Bauzeit – im Voraus! – viel exakter bestimmen lässt, als dies in den jeweiligen Ausschreibungen gemeinhin geschieht. Aufgrund dieser ungenauen Vorgaben werde an vielen Baustellen nicht so zielstrebig gearbeitet, wie es möglich wäre und sein sollte, weiß der Experte – mit der Konsequenz, dass viele Baustellen den Verkehr erheblich länger behindern als notwendig. Für Steinhauer sind die Einschränkungen durch Bauarbeiten deshalb vielfach „hausgemacht“.

Doch Baustellen sind ja nicht grundsätzlich unsinnig, denn immer mehr Verkehrsteilnehmer klagen gleichzeitig ebenfalls über den zum Teil erschreckend schlechten Zustand von Deutschlands Straßen. Deshalb sollten auch die Autofahrer einige Tipps beherzigen, mit denen sich das Staurisiko zumindest reduzieren lässt. Dazu gehört zunächst, bereits vor Fahrtbeginn die Verkehrsprognosen zur geplanten Fahrstrecke zu berücksichtigen, sich entsprechend mögliche Ausweichstrecken zu überlegen und gegebenenfalls den Reisezeitpunkt anzupassen. Ganz wichtig ist auch, besonders bei dichtem Verkehr, ausgeglichen und vorausschauend zu fahren: Denn wer häufig schnell beschleunigt, um kurz danach wieder abrupt abzubremsen, stört einen gleichmäßigen Verkehrsfluss. Für den ist es ebenso hinderlich, wenn Autofahrer an Fahrbahnverengungen sich nicht an das Reißverschlussprinzip halten. Diejenigen, die glauben schneller voranzukommen, indem sie sich nicht partnerschaftlich verhalten, stehen allerdings meist mit allen anderen doch nur länger als nötig im Stau. Zu einem vernünftigen Reißverschlusssystem zählt ebenfalls, seine Fahrspur bis zur Verengung beizubehalten und erst dort einzufädeln, nicht früher.

Laut der ADAC-Staubilanz entfielen 2017 – wie in den Vorjahren – auf die Bundesländer Nordrhein-Westfalen (35 Prozent), Bayern (18 Prozent) und Baden-Württemberg (11 Prozent) etwa zwei Drittel aller Staus. Dabei wuchs die Summe der Staukilometer in NRW im Vorjahresvergleich um 17 Prozent auf rund 455.000 Kilometer, während in Bayern ein Rückgang von 4 Prozent auf etwa 283.000 Kilometer verzeichnet wurde. Den Spitzenplatz als schlimmste Staustrecke unter den überregionalen Fernautobahnen sicherte sich 2017 erneut die A3: Auf ihr kam es zu 208 Kilometern Stau je Autobahnkilometer. Platz zwei belegte die A5 mit 180 Kilometern vor der A8 mit 177 Kilometern. Als am meisten von Stau betroffen erwies sich der Streckenabschnitt Passau – Linz auf der A3. Ursache dafür waren, laut ADAC, Kontrollen der Grenzbehörden bei der Einreise von Österreich nach Deutschland.

 

Quelle: Goslar Institut www.goslar-institut.de

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