Big Data kann Mobilität sicherer, schneller und sogar ökologischer machen

18. September 2019

Die Chancen von Big Data in einer digital vernetzten Gesellschaft sind derzeit Thema vielfältiger öffentlicher Diskussionen. Über die Vor- und Nachteile der Erhebung und Nutzung großer Datenmengen für die Mobilität der Zukunft befragte der Professor für Versicherungslehre an der Universität Leipzig, Dr. Fred Wagner, jetzt den Vorstand der HUK-COBURG Versicherungsgruppe, Dr. Jörg Rheinländer, im Auftrag des Goslar Instituts für verbrauchergerechtes Versichern (sehen Sie hierzu das GoslarTV-Video unter https://vimeo.com/347520915). Darin hakt der Wissenschaftler ganz konkret nach, ob die HUK denn tatsächlich zur „Daten-Krake“ werden will, nur um Telematik-Tarife anbieten zu können? Das klinge doch sehr nach „Big Brother“, greift Prof. Dr. Wagner einen häufig strapazierten Vorwurf aus der öffentlichen Debatte auf.

Die bislang von den Kfz-Versicherern traditionell erhobenen Daten – zu Fahrzeugtyp, Wohnort, Fahrleistung etc. – reichten zwar im Prinzip für eine vernünftige Tarifierung aus, entgegnet Dr. Rheinländer. Dabei bleibe aber die individuelle Risikobewertung auf der Strecke. Die Telematik hingegen eröffnet die Möglichkeit, gutes, sprich defensives, vorausschauendes und sicheres Fahren zu belohnen, betont der HUK-Vorstand. Ein solches positives Feedback kann nach seiner Einschätzung – und der vieler anderer Experten – einen positiven Anreiz darstellen, um Kfz-Versicherungskunden zu einem besseren Fahren zu bewegen, wie es Dr. Rheinländer formuliert. Die HUK verfolge dabei den Ansatz, nicht zu bestrafen, sondern bessere Fahrer zu belohnen, betont er.

Und die Versicherer können mit mehr Daten noch mehr bieten als nur entsprechende Rabatte für Besserfahrer, erläutert Dr. Rheinländer: wie etwa Anreize für ökologisches Fahren – wenn ihnen denn die entsprechenden Informationen zur Verfügung stehen. So könne Telematik auch als Voraussetzung für ökologisches Fahren dienen, mit Vorteilen für die gesamte Gesellschaft. Denn wenn zum Beispiel ein Autofahrer ständig beschleunigt, abbremst, wieder Gas gibt und gleich wieder auf die Bremse steigt, dann ist bei einem solchen Fahrverhalten der CO2-Ausstoß zwangsläufig höher als bei einem ausgeglichenen Fahrstil, verdeutlicht der HUK-Vorstand. Dem ließe sich mit positiven Anreizen ebenfalls entgegenwirken, ist er überzeugt. Deshalb begrüßt er die übereinstimmende Zielrichtung bei Telematik, Unfallsicherheit und ökologisches Fahren zu fördern.

Doch diese Intention sieht er bislang durch ein falsches Verständnis beim Datenschutz ausgebremst. Bei 80.000 Telematikkunden habe die HUK-COBURG lediglich weniger als eine Handvoll Anfragen zum Datenschutz bekommen, berichtet Dr. Rheinländer. Das legt seiner Einschätzung nach nahe, dass Datenschutz nicht das Massenthema ist. Zudem gebe der Kunde seine Daten auch nur preis, wenn diese zu seinem Nutzen verwendet würden, betont der HUK-Vorstand. Diese Voraussetzung sieht er bei der Telematik eindeutig gegeben.

Derzeit fühlen sich jedoch nicht nur die Versicherer hierzulande durch strenge regulatorische Vorgaben in der Entwicklung neuer Angebote wie auch Mobilitätsmodelle massiv eingeschränkt. Auch andere deutsche wie europäische Player im Mobilitätssegment klagen über eine deutliche Schlechterstellung im Wettbewerb mit Unternehmen aus Übersee, speziell gegenüber großen Datenunternehmen aus den USA und China. Jene können nämlich erheblich freier Geschäftsmodelle entwickeln und diese, wenn sie reif sind, auch nach Europa bringen. Wenn sich der Nutzen dieser Angebote dann herauskristallisiert, fehlen den deutschen und europäischen Unternehmen sowohl die Voraussetzungen als auch die Kenntnisse, um da mithalten zu können, konstatiert Dr. Rheinländer warnend. Das bedeute für die Europäer vielfach das Aus in diesem Wettbewerb.

Speziell die in der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) vorgeschriebenen Aspekte der Datensparsamkeit und der Zweckbindung von Daten stellen demnach eine deutliche Einschränkung dar, die deutsche Unternehmen bei der Entwicklung neuer Mobilitätsmodelle und -angebote behindert. Das bedeute nicht nur Nachteile im Wettbewerb, sondern auch ein Ausbremsen von Fortschritt, kritisiert Dr. Rheinländer. Konkret mit den Vorschlägen der Verbraucherschutzministerkonferenz (VSMK) zu Telematiktarifen in der Versicherungswirtschaft wird aus Sicht des HUK-Vorstands verhindert, dass deutsche bzw. europäische Unternehmen mit Unternehmen aus dem Rest der Welt wettbewerbsfähig bleiben.

Die Projektgruppe, die von der VSMK beauftragt wurde, die Entwicklung von Telematiktarifen zu beobachten und zu bewerten, erkenne zwar an, dass Telematik-Programme einen Anreiz zu verantwortungsvollem, sichereren Autofahren oder zu gesundheitsbewusstem Verhalten (Bewegung, Ernährung, Vorsorge, Vermeidung von Risikofaktoren) setzen, berichtet der HUK-Vorstand. Nach seiner Ansicht wird in dem Bericht jedoch ein falsches Bild von Telematik entworfen. Denn moderne Autos generieren per se Daten, über welche die Fahrzeughersteller verfügen, argumentiert Dr. Rheinländer. Ähnliche Daten nutzten auch die Versicherer für ihre Telematiktarife. Diesen in dem aktuell noch sehr frühen Entwicklungsstadium gleich mit der „regulatorischen Keule“ zu kommen, bezeichnet der HUK-Vorstand in dem Interview vorsichtig als „schwierig“.

Dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass Big Data für den Kunden konkreten Nutzen bieten kann: indem sich dadurch Schäden, also Unfälle und dabei insbesondere auch die Zahl der Verkehrstoten, reduzieren lassen. Mit positiven Anreizen – wie Telematiktarifen – könne man das Fahrverhalten der großen Mehrheit der Autofahrer verbessern, sodass sich die Zahl solcher Gefahrensituationen spürbar senken lasse, ist der HUK-Vorstand überzeugt. Darin sieht er im versicherungsnahen Bereich einen sehr großen Nutzen für die Verbraucher. Über die gesamte Mobilitätskette gedacht habe Big Data das Potenzial, Angebote zu verbessern, Abläufe reibungsloser und die gesamte Mobilität sicherer, schneller und sogar ökologischer zu machen, stellt der HUK-Vorstand fest.

 

Quelle: Goslar Institut www.goslar-institut.de

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