Studie: Autonome Fahrdienste steigern Verkehrsaufkommen um bis zu 40%

23. Oktober 2019

Autonome Fahrzeuge scheinen derzeit ihren Nimbus als Problemlöser für die Mobilität von morgen einzubüßen. Zumindest kommt jetzt eine weitere Untersuchung zu dem Ergebnis, dass autonom fahrende Taxis und Shuttle-Fahrzeuge einen massiven Anstieg des innerstädtischen Autoverkehrs zur Folge haben können. Zudem soll der öffentliche Nahverkehr durch die autonomen Konkurrenzangebote Probleme bekommen. Das geht aus einer aktuellen Studie des Beratungsunternehmens Deloitte zum Thema „Urbane Mobilität und autonomes Fahren im Jahr 2035“ hervor. Eine gemeinsame Untersuchung des Weltwirtschaftsforums und des Beratungsunternehmens Boston Consulting Group (BCG) hatte bereits im vergangenen Jahr ergeben, dass selbstfahrende Autos das Verkehrsaufkommen und die damit verbundene Umweltbelastung in innerstädtischen Bereichen nicht nur nicht vermindern, sondern sogar im Gegenteil noch verschlimmern sollen (vergl. den Recherche-Tipp des Goslar Instituts vom 9.1.2019).

Die Verfasser der Deloitte-Studie gehen davon aus, dass im Jahr 2035 autonome Fahrzeuge für eine „Revolution der Mobilität“ gesorgt haben werden. Das bedeutet demnach, dass viele Autos auf unseren Straßen bereits vollautonom unterwegs sind und ein großer Teil davon sich nicht im Besitz von Privatpersonen, sondern von Mobilitätdienstleistern befindet. Letztere betreiben eine große Flotte von autonomen Taxis und Shuttles und bieten Fahrten von Tür zu Tür an, so die Erwartung von Deloitte. Darüber hinaus rechnen die Autoren damit, dass dieses Angebot zu signifikanten Preissenkungen für Mobilität führen wird.

Konkret soll demzufolge ein Kilometer mit dem Robotaxi 34 Cent kosten, mit dem Roboshuttle lediglich 15 Cent. Zum Verständnis: Autonome Taxis können ein bis zwei Passagiere transportieren, autonome Shuttles als eine Art Sammeltaxi maximal vier Personen. Diese Verkehrsmittel sollen jederzeit und ohne große Wartezeit verfügbar sein und ihre Fahrgäste von Tür zu Tür bringen. Den Berechnungen von Deloitte zufolge wird ein Robotaxi damit achtmal günstiger sein als ein normales Taxi heute. Und der Kilometerpreis läge demnach um 25 Prozent unter dem eines privat betriebenen Mittelklassewagens. Für einen durchschnittlichen Arbeitsweg von rund zehn Kilometern veranschlagen die Studienautoren mit einem Roboshuttle Kosten von 1,50 Euro. Das wäre deutlich billiger als die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Den angenommenen Preisvorteil begründen die Verfasser der Studie damit, dass die autonomen Taxis und Shuttles keinen Fahrer benötigen und effizienter auszulasten sind. Das mache sie aus Kostensicht zu einer attraktiven Alternative zu bestehenden Verkehrsmitteln, stellt Deloitte fest.

Ließe man den Marktkräften freien Lauf, wären im Jahr 2035 rund 740.000 autonome Fahrzeuge in den Städten unterwegs, heißt es in der Studie. Das wäre das Zwölffache der heutigen Taxiflotte. Jeder dritte Weg würde somit in autonomen Fahrdiensten zurückgelegt werden. Der Preiswettbewerb soll dann nicht nur das private Auto verdrängen, dessen Anteil an den täglich gefahrenen Strecken sich von heute 49 auf 32 Prozent im Jahr 2035 reduzieren wird, so die Kalkulation von Deloitte. Auch die Nutzung des ÖPNV wird demnach von 20 auf 14 Prozent sinken. Sogar die Nutzung von Fahrrad und Fußweg soll der Prognose zufolge von 31 auf 21 Prozent zurückgehen.

Die Folge davon dürften zwei wesentliche Effekte sein, fasst Dr. Thomas Schiller, Partner und Leiter Automotive bei Deloitte, zusammen: „Die Anzahl der Fahrzeuge, die zeitgleich auf unseren Straßen fahren, nimmt zu. Damit sinkt der Verkehrsfluss und das Staurisiko wird deutlich erhöht“, so Schiller. Dabei soll der Fahrzeugbestand in urbanen Regionen zwar um 20 Prozent abnehmen, wodurch vor allem der Parkraum entlastet würde. Da jedoch autonome Fahrzeuge häufiger genutzt werden, steigere sich der Verkehr in den Städten in Spitzenzeiten um bis zu 40 Prozent, prognostizieren die Verfasser der Studie. Die Folge davon: Staus.

Entsprechend soll die Durchschnittsgeschwindigkeit auf den Straßen dann um 10 Prozent sinken und die morgendliche Fahrtzeit zur Arbeit im Schnitt um 2,5 Minuten länger werden – für alle Verkehrsteilnehmer. Zumindest die Umwelt werde durch den zunehmenden Verkehr kaum belastet, stellt die Studie fest. Denn die autonomen Fahrzeuge dürften durchgängig elektrisch angetrieben werden und damit lokal emissionsfrei sein.

„Wenn sich der Markt frei ohne Regulierung entwickeln würde, wäre das Potenzial enorm“, resümiert Deloitte-Chefökonom Dr. Alexander Börsch. Denn die Nutzungsbereitschaft und die Nachfrage seien hoch. Doch die Politik müsse die richtigen Weichen stellen, damit eine erhöhte Verkehrsbelastung verhindert wird, erklärt Börsch. Aus seiner Sicht könnte „eine smarte Regulierung eine Lösung sein, um Mobilität in geordnete Bahnen zu lenken und einen Verkehrskollaps zu vermeiden“.

Deloitte hat der Studie „Urbane Mobilität im Jahr 2035“ ein quantitatives Mobilitätsmodell zugrundegelegt, in das unter anderem Bewegungsmuster, Bevölkerungsstruktur und Pendlerverflechtungen in 109 deutschen Städten sowie eine repräsentative Online-Befragung mit über 2.000 potenziellen Nutzern zu Akzeptanz und Zahlungsbereitschaft für autonome Fahrdienste einflossen.
 

Quelle: Goslar Institut www.goslar-institut.de

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