Studie: Carsharing bringt nachhaltigen Verkehr nicht voran

2. Oktober 2019

Carsharing, also die gemeinschaftliche Nutzung eines Autos durch mehrere Personen, bringt nicht die Vorteile, die sich seine Befürworter von diesem Konzept versprechen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Beratungsgesellschaft A.T. Kearney. Deren Verfasser urteilen zusammenfassend, dass „der Hype“ um Carsharing derzeit nicht gerechtfertigt sei. Denn in Deutschland gebe es bislang gerade einmal vier Millionen Menschen, die für die Nutzung von Carsharing-Autos infrage kommen. Zudem sehen die Berater zurzeit weder die Voraussetzungen in den Städten noch die Bereitschaft der Kunden gegeben, auf das eigene Auto zu verzichten. In anderen europäischen Ländern sei das Bild ähnlich, stellt A.T. Kearney fest.

Die Studie zum Carsharing-Markt macht demnach ferner deutlich, dass regelmäßiges Autoteilen zulasten des ÖPNV gehe – und am Besitz eines eigenen PKW nichts ändere. Vielmehr werde dieses Angebot als ein komplementärer Service angesehen, heißt es. Derweil schätzen die für die Studie Befragten weiterhin ihr eigenes Auto – vor allem wegen seiner permanenten Verfügbarkeit und der damit verbundenen persönlichen Freiheit. Carsharing verfehle somit auch das von der Politik verfolgte Ziel, nachhaltigen Verkehr in den Städten zu stärken, bemängeln die Berater.

Wie die Untersuchung ergab, soll lediglich ein Prozent der Carsharing-Mitglieder dieses Angebot täglich nutzen, ein Drittel von ihnen ein- bis zweimal im Monat. Vor diesem Hintergrund zeichne sich nicht ab, dass das eigene Auto im Straßenverkehr langfristig durch Sharing-Angebote ersetzt werde, resümieren die Berater. Insofern komme Carsharing als zukunftsfähige urbane Mobilitätsalternative bislang nicht infrage.

Dementsprechend eignet sich das Autoteilen-Konzept ebenfalls nicht, die Probleme mit dem Individualverkehr in den Städten zu reduzieren. Nach Einschätzung der Studienautoren sind nur knapp fünf Prozent der Bundesbürger als mögliche Carsharing-Nutzer anzusehen. Würden sie ihr Auto verkaufen und stattdessen Sharing-Dienstleistungen in Anspruch nehmen, käme dies einer Verminderung der Privatwagen um zwei Millionen Stück gleich, rechnet die Studie vor. Zum Vergleich: Offiziellen Statistiken zufolge belief sich der Fahrzeugbestand in Deutschland zu Jahresbeginn 2018 auf rund 57 Millionen Stück. Den mit Abstand größten Anteil daran hatten demnach Pkw mit rund 47 Millionen Fahrzeugen. Insofern könne Carsharing die vielfach in das Geschäftsmodell gesetzten Erwartungen nicht erfüllen, meint A.T. Kearney.

Das Beratungsunternehmen macht in seiner Studie deutlich, dass als Voraussetzungen für ein wirtschaftlich profitables Carsharing-Angebot neben einer Mindestanzahl von Nutzern auch eine bestimmte Nutzerdichte erforderlich ist. Diese Kriterien erfüllen nach Einschätzung der Studienautoren jedoch lediglich elf Städte hierzulande, darunter Metropolen wie Berlin, Hamburg und München. Doch schon in deren Randgebieten soll die notwendige Nutzerdichte nicht mehr gegeben sein. Insofern sehen die Berater die Vorbedingungen für wirtschaftlich erfolgreiche Carsharing-Dienste nur selten gegeben. Das erklärt möglicherweise, warum erste Angebote von renommierten Autoherstellern, wie BMW, Citroën, Mazda, Mercedes etc. sich bislang nicht als ökonomischer Erfolg herausstellten.

Aus Sicht von Verkehrs- und Stadtplanern darf Carsharing zudem nicht in Konkurrenz zum öffentlichen Nahverkehr treten, sondern kann nur eine Ergänzung zu dem Angebot von Bus und Bahn darstellen. Die Möglichkeit zum Autoteilen sollte somit dazu dienen, Lücken im vorhandenen ÖPNV-Netz zu schließen. Doch nach der A.T. Kearney-Studie geht regelmäßiges Carsharing zulasten des ÖPNV und ändert nichts am Besitz eigener PKW.

Der Bundesverband Carsharing (BCS) hingegen hält die Aussagen der Studie „The Demystification of Car Sharing“ der Unternehmensberatung A.T. Kearney für nicht zutreffend. Vielmehr stehe „das Papier von A.T. Kearney mit der Realität und mit etablierten wissenschaftlichen Erkenntnissen in Konflikt“, und zwar „eklatant“, kritisiert der Branchenverband. Er bemängelt grundsätzlich, dass die Studie keine Darstellung des deutschen Carsharing-Marktes sei und „nicht repräsentativ für das Carsharing in Deutschland“. Die von A.T. Kearney gezogenen Schlüsse bezüglich der Entlastungswirkung des Carsharings träfen nur für wenige Anbieter „möglicherweise zu“, stellt der BCS fest, seien für die übrigen rund 170 Carsharing-Anbieter in Deutschland hingegen irrelevant. In einer Stellungnahme widerspricht der Verband den Ausführungen der Studienautoren Punkt für Punkt, um schließlich zusammenfassend zu betonen, dass Carsharing schon heute einen „praktischen Beitrag zu einer Verkehrswende in Deutschland“ leiste.

 

Quelle: Goslar Institut www.goslar-institut.de

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